Dreimal abgeschnitten - und noch zu kurz

Im Baumarkt ist alles am billigsten. Manchmal ist es sogar noch billiger - außer Tiernahrung! Ob billiger auch besser ist, fragt sich gelegentlich wohl jeder Kunde im Hinblick auf den Service.

Die für Holzbauprojekte benötigten Holzzuschnitte führt jeder Techniker, der etwas auf sich hält, selbstverständlich eigenhändig aus. Das verlangt einfach die Technikerehre und außerdem schneidet sowieso niemand so exakt zu, wie man selbst. Doch es kann vorkommen, daß einem wegen vieler anderer Kleinigkeiten, die noch erledigt werden wollen, einfach nicht die Zeit dazu bleibt. Und es soll sogar vorkommen (aber wirklich sehr, sehr selten...), daß einem diese Arbeit einfach mal zu lästig ist. Doch gottseidank leben wir ja in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, in der für jeden Bedarf und für jede Nachfrage das passende Angebot nicht lange gesucht zu werden braucht.

Im Baumarkt meines Vertrauens gibt es einen ganz brauchbaren Holzzuschnitt. Die Preise sind zwar gesalzen für die dort feilgebotene Zuschnittware, welche man wahrlich nicht als Spitzenqualität bezeichnen kann, aber dieser Holzzuschnitt kann zwei entscheidenden Vorteilen aufwarten. Der Baumarkt ist nur einen Katzensprung entfernt, und es gibt dort Erwin.

Erwin ist ein kleiner, freundlicher Mann, weit in den Fünfzigern, mit grauen Schläfen, Halbglatze und altmodischer Brille, der in diesem Baumarkt die Formatkreissäge bedient. Und Erwin, der Holzzuschneider, arbeitet absolut gewissenhaft, präzise und schnell. Das ist eine exotische Besonderheit, die anzutreffen man insbesondere in Baumärkten eher weniger erwarten würde, wie jeder Kunde derselben zu bestätigen weiß.


Auch für mein aktuelles Projekt wollte ich die Verantwortung für die Maßhaltigkeit der Bauteile vertrauensvoll in Erwins zuverlässige Hände legen. So schob ich meinen großen Baumarkt-Transportwagen bis vor die Abteilung für den Holzzuschnitt, die durch eine Art Tresen vom Gang getrennt ist. Doch wen ich nicht entdeckte, war Erwin. Stattdessen fläzte sich ein Mann mittleren Alters über den Tresen, der mit seinem Handy telefonierte und zunächst auch keinerlei Anstalten machte, diese für ihn offensichtlich vergnügliche und wichtige Beschäftigung zu unterbrechen oder gar zu beenden.

"Wo ist denn Erwin?" fragte ich absichtlich laut und vernehmlich.
"Krank" war die ergiebige Antwort, bei der der Mann genervt das Mikrofon seines Handys mit der Hand abdeckte, seine halbliegende Haltung auf dem Tresen aber nicht aufgab.
"Auweia, was schlimmes?"
"Nö!" lautete die mit einem Achselzucken kombinierte Antwort. Gemeint ist dieses "Nö" mit dem ganz, ganz kurzen, fast verschluckten "ö", durch dessen Artikulation jeder Gesprächspartner sofort einen äußerst freundlichen und besonders kommunikativen Zeitgenossen zu identifizieren vermag.

Ich fragte unbeirrt weiter, doch die Konversation verlief eher stockend und die Antworten waren mürrisch und ein wenig überheblich. Der neue Zuschnitt-Mann war vorschriftsmäßig in Baumarkt-Kittel mit Logo gekleidet, an welchem sich sogar ein Namensschild fand. Da weiß man wenigstens, mit wem man es zu tun hat, dachte ich, und las: "P. Komplowsky". Erwin trägt nie einen solchen Kittel. Das braucht er auch nicht, denn den Erwin kennt hier sowieso jeder.

Worauf sich die Überheblichkeit des Herrn Komplowsky gründete, blieb mir verborgen. Womöglich hatte er gerade seinen Formatkreissägenführerschein oder sein Holzzuschnittdiplom nach einem überaus anspruchsvollen Lehrgang mit dreiviertelstündiger Dauer ohne besondere Auzeichnung bestanden, und meinte, dies berechtige ihn neben stolzgeschwellter Brust auch zur Mürrigkeit. Irgendein Scherzbold hatte ihn vielleicht auch davon überzeugt, daß man eine solch außerordentliche Auszeichnung und Qualifikation unbedingt durch möglichst distinguierte Arroganz gegenüber Kunden zur Geltung bringen solle. Man weiß es nicht...

Als Herr Komplowsky endlich nach einigen Minuten sein Telefonat beendete, sah ich meine Chance gekommen. Ohne abzuwarten, ob er möglicherweise beabsichtigte, sich einer anderen, für ihn äußerst dringlichen Aufgabe zuzuwenden, bestellte ich energisch: "Ich hätte gerne zwei Platten mit den Maßen 70 X 80 Zentimeter, und zwar einmal aus 8 Millimeter starkem Sperrholz mit Birkenfurnier, und einmal aus 10 Millimeter Multiplex."

Gewissenhaft wurden diese Angaben vom Zuschneider mit leicht überrumpelter Miene auf die Stückliste übertragen, die dann zum Zuschnitt üblicherweise mit einem kleinen Magneten am Gehäuse der Kreissäge befestigt wird.
"Aber bitte genau!" ergänzte ich noch - vorsorglich.
"Selbstverständlich, was denn sonst?!" Da war er wieder, dieser hochnäsige Unterton.

Ein freundlicher, älterer Herr, dessen Enkelin von ihm vorschriftsmäßig im dafür vorgesehenen Sitz des Einkaufswagens durch den Baumarkt kutschiert wurde, gesellte sich vor der Zuschnitt-Theke zu mir. Er hätte gerne eine neue Rückwand für einen Kleiderschrank und übergab die benötigten Maße vorsorglich schriftlich an den Zuschnitt-Mann. Die sich im Einsilbenwort-Alter befindliche, wirklich süße, blondgelockte Enkelin Alina gab sich mit größter Wonne der Beschäftigung hin, die cognacfarbene Wildlederjacke des Großvaters mit einem ansehnlichen Kirschlolli einzusauen, und entwickelte dabei einen Eifer, der in ihr schon deutliche kreative Züge erahnen ließ.

Dann gesellten sich noch zwei Handwerker mit einem für mich nicht sofort identifizierbaren, aber deutschsprachigen Mundart-Akzent und in Tischler-Kluft zu uns, denen wahrscheinlich bei irgendeinem auswärtigen Montageauftrag das Material ausgegangen war. Aus dem lebhaften Gespräch und dem fröhlichen Geblödel der beiden hörte ich am weichen D und G schnell die Franken heraus und auf der Materialliste, die einer der beiden von Hand auf einen alten Lieferschein geschrieben, und auf den Tresen des Holzzuschnitts gelegt hatte, sah ich eine Firmenadresse aus "Nürnberch".


Dieser kleinen Kundengruppe bot sich nun ein - leider - baumarkttypisches Schauspiel, welches, zumindest in diesem Markt, sicher über längeren Zeitraum seinesgleichen suchen wird.

Herr Komplowsky schleppte eine neue, volle Platte von zweieinhalb Metern Länge und gut anderthalb Metern Breite zum Rahmengestell der Formatkreissäge und begann diese emsig und fachkundig zu zerteilen. Da mir der Großvater gerade ganz ausführlich berichtete, wie seine Tochter umzieht und warum die alte Kleiderschrankrückwand das Zeitliche gesegnet hatte, und ich außerdem stets darum bemüht war, nicht in den Aktionsradius von Alinas Kirschlolli zu geraten, sah ich Herrn Komplowsky aus den Augenwinkeln heraus zwar arbeiten, achtete aber nicht aufmerksam auf seine Handlungen. Die beiden Franken offensichtlich wohl, denn das anfängliche, heitere Grinsen der beiden wurde immer breiter. Dass einer der beiden sich umdrehte und verhalten, aber doch deutlich hörbar lachte, erregte aber dann doch meine Neugier nach dem Grund hierfür. Dieser war in der Person Herrn Komplowskys schnell entdeckt, der zwischenzeitlich die ganze Multiplexplatte kurz und klein gesägt hatte und nun mit Siegermiene nach vorn zum Tresen kam, um sein Machwerk dort abzustellen.

"Es ist nicht zu glauben", dachte ich bei mir. Hennes, so hieß einer der beiden fränkischen Schreiner, wie ich deren Unterhaltung zwischenzeitlich entnommen hatte, sprach genau diese Feststellung fast zeitgleich aus. Mit der zweiten, der von mir angeforderten Plattenzuschnitte ging es Herrn Komplowsky dann nicht nur etwas zügiger, sondern auch mit etwas geringerem "Verschnitt" von der Hand.

Wenn ich mich auf eines sicher verlassen kann, dann auf mein Augenmaß. "Guter Mann, ich hatte 8 Millimneter Sperrholz bestellt, das hier sind mindestens 10 Millimeter." "Das kann nicht!" lautete die arrogante Antwort. Eine andere hatte auch niemand erwartet. Eins von beidem, Zollstock oder Maßband, trage ich immer bei mir, und im Baumarkt sowieso. Ein kurzes Nachmessen bestätigte mein Augenmaß. Hennes verdrehte die Augen. Wortlos nahm Herr Komplowsky die Platte und marschierte damit zurück in die hinteren Gefilde des Zuschnittbereichs, zu dem der Zutritt für Normalsterbliche ja strengstens untersagt ist.

Erstaunlich zügig tauchte der gute Komplowsky mit einer Platte der richtigen Stärke auf, die er wortlos vor die erste stellte, und mir ebenso wortlos den Laufzettel hinhielt. Ich bückte mich, um die Platten aufzunehmen, da sah ich einen deutlichen Längenunterschied von rund vier Zentimetern. Ein schnelles Nachmessen ergab, das beide Platten statt der bestellten 70 Zentimeter nur 69,2 Zentimeter breit waren. Dafür war die Sperrholzplatte aber mit etwas über 82 Zentimetern deutlich zu lang, die Sperrholzplatte aber mit nur 78 Zentimetern deutlich zu kurz geraten.

Mein Gesichtsausdruck kann kein sonderlich intelligenter gewesen sein. Hennes und Klaus, der zweite Nürnberger, lachten nun jedenfalls beide so laut und ungeniert, dass bereits andere Baumarktkunden aufmerksam wurden. Der Opa ließ sich anstecken, und sogar Alina krähte aus lauter Geselligkeit und Sympathie laut mit.

Nein, das war wirklich nicht zu glauben. Der gute Komplowsky hatte binnen weniger Minuten für den Zuschnitt zweier kleiner bestellter Bretter aus vollen Stücken des Plattenmaterials gute neunzig Prozent Schrott produziert. Durch diese lehrreiche Beaobachtung entwickelte sich in mir jedenfalls eine Vorstellung von der Kalkulationsgrundlage für die Preise der Zuschnittware, über die sich wohl schon jeder regelmäßige Baumarktbesucher gelegentlich geärgert hat.


Plötzlich tauchte, quasi wie aus dem Nichts, der Abteilungsleiter zwischen uns auf, der das ganze Schauspiel offenbar aus sicherer Entfernung beobachtet zu haben schien. Seine Position war dem Alu-Namensschild des ansonsten unbekittelten Mannes zu entnehmen. Herr Komplowsky wurde von diesem mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, die von ihm fabrizierten, nun unbrauchbaren, kleinen Teilstücke der ehemalig hochwertigen Multiplexplatte in die eigens dafür aufgestellte Box für Reststücke zum halben Preis zu verbringen, und sich dann unverzüglich im Gartencenter zu melden. Dort müssten dringend Säcke mit Blumenerde abgeladen werden, und zwar mehrere Paletten.

Nach exakt drei Minuten hielt ich die zwei bestellten Platten, natürlich neu, und diesmal exakt zugeschnitten, und den passenden Laufzettel für die Kasse in meinen Händen. Aus erster Quelle weiß ich, daß auch der Opa und die beiden Nürnberger prompt und zufriedenstellend bedient wurden, denn es versammelte sich die ganze Gruppe wie abgesprochen am Fastfood-Stand vor dem Baumarkt, um sich nach diesem Erlebnis erst einmal mit leckerer Rostbratwurst zu stärken. Alina erhielt einen neuen Lolli, diesmal einen grünen.

Ich bin gespannt, wie lange der formatkreissägendiplomierte Herr Komplowsky seinen Job im Baumarkt noch innehaben wird. Hoffentlich ist bloß der Erwin bald wieder gesund...


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